Das Universum der Carla Bozulich

Diese Stimme. Man muss nur den Namen Carla Bozulich hören und schon schiebt sie sich ins Ohr. Tief, tough und ausdrucksstark. Sie singe wie ein „hard rock mountain with a hot marshmellow center“, beschrieb die 1965 in New York geborene und in Kalifornien aufgewachsene Musikerin ihr eigenes Organ in einem Interview. Dabei debütierte sie in einem Genre, das eigentlich gar keine Verwendung für kratzig-bluesiges Stimmvolumen hat: Anfang der 1980er, noch als Teenager, war sie in Los Angeles Teil der Postpunk-Band Neon Vein, Anfang der 1990er bei der Industrial-Truppe Ethyl Meatplow und dann, nach einer drastischen stilistischen Wendung, Kopf des Alternative-Country-Quintetts The Geraldine Fibbers. Nach dessen Auseinanderbrechen interessierte sie sich, ob in ihrem Duo Scarnella oder ihrem Soloprojekt Evangelista, immer stärker für avantgardistische Soundscapes und Improvisation – sie bezeichnet sich selbst als „worshipper of the drone“. Im Jahr 2000 entwickelte die Gitarristin und Bassistin, die bereits mit MusikerInnen wie Lydia Lunch, Thurston Moore, Wayne Kramer und Marianne Faithfull aufgetreten ist, ihre erste kontextabhängige Performance unter dem Titel „Eyes for Ears“: Gäste wurden in das Schindler House in L.A. zu einer „Fake Party“ eingeladen, bei der sie in verschiedene Räume geführt wurden und der Gastgeberin Bozulich zusehen konnten, wie sie zu alten Popplatten Playback sang. In Krems wird Carla Bozulich mit Gästen aus ihrem Netzwerk ein performatives Konzert geben und mit den architektonischen Gegebenheiten der imposanten Minoritenkirche interagieren.

Dass auch Bozulichs gute Freundin Lydia Lunch unter die Haut geht, darauf wies schon das Musikkritikpärchen Joy Press und Simon Reynolds in der wegweisenden Anthologie „The Sex Revolts: Gender, Rebellion, and Rock‘n‘Roll“ hin: „Lunch has gotten under the listener‘s skin by pulling back her own skin to reveal the morbid processes within.“ Soll heißen: Jahre bevor Courtney Love die „most angry woman in Rock“ gab, suchte Lydia Lunch, Sängerin der New Yorker No-Wave-Band Teenage Jesus and the Jerks, die krasse Konfrontation im Baby-Doll-Dress. Mit ihrem Debüt „Queen of Siam“ auf dem Kult-Label ZE konnte sie auch ihren Ruf als Königin der New Yorker Underground-Szene ausbauen. Zwischen Art Rock, Spoken Word und S/M-Transgression inszenierte sie lange vor dem Postporn-Hype mit Richard Kern ihre Vorstellung von Sex & Violence in den Filmen „The Right Side Of My Brain“ und „Fingered“. Und vor sieben Jahren tauchte sie, passend wie die Faust aufs Auge, in Asia Argentos JT-Leroy-Romanverfilmung „The Heart is Deceitful Above All Things“ auf. Auf expliziten Wunsch von Carla Bozulich wird die Vorreiterin des subkulturellen Nonkonformismus nun ihr Debüt „Queen of Siam“ von 1979 nochmals live präsentieren - und ohne Frage weiter überschreiten.

Left Hand Path werden zwar ein Akustikset spielen, dass sie aber nichts mit der Neo-Folk-Bewegung oder anderen blumigen Americana am Hut haben, dafür garantiert schon der Kopf des Projektes. David Tibet, dem sein Name von niemand Geringerem als dem genial durchgeknallten Genesis P. Orridge verpasst wurde, gründete Anfang der 1980er mit Current 93 ein Projekt, das einen ganz eigenwilligen, artifiziell-theatralischen Folk begründete. Auf dem 2006er Album „Black Ships Ate The Sky“ featuret Tibet u.a. seine BewunderInnen wie Baby Dee, Antony, Marc Almond und Bonnie Prince Billy. Das Projekt Left Hand Path wiederum entstand vor drei Jahren, als Mitglieder der italienischen Band ZU (die auch schon mit anderen Hochenergetikern wie Eugene Chadbourne, Mike Patton oder Buzz von den Melvins kollaboriert haben) eigentlich einen Soundtrack zu einem Film über Satanismus in den Industrieregionen Norditaliens beisteuern sollten. Der auch als Outsider Artist etablierte David Tibet befand sich zufälligerweise anlässlich einer Vernissage in Rom vor Ort und war vom ZU- Projekt so angetan, dass sie zusammen Left Hand Path gründeten.

Große Kunst ist auch zu erwarten, wenn sich David Bryant von Godspeed You! Black Emperor, Jonathan Parent von Fly Pan Am (Constellation Records) und Set Fire To Flames (Alien 8) mit Kevin Doria von Growing und dem Filmkünstler Karl Lemieux verbünden und ihr multimediales Projekt Hiss Tracts im Klangraum vorstellen. Lemieux ist Mitbegründer des experimentellen Filmkollektivs „Double Negative“, das in seinem Manifest die Zweiteilung der Filmindustrie in „KonsumentIn=PatientIn“ und „ProduzentIn=ApothekerIn“ anprangert und stattdessen das Modell der „Alchemistin“ für Filmschaffende propagiert: „We promote accidents, discoveries, and failures; processes that lead into unknown landscapes; the fleeting tangibility of mystical and transformative forces; and the begetting of delicate, precious objects in the dark“ heißt es da. In den Live Performances von Hiss Tracts traktiert Lemieux die auf mehreren Projektoren ablaufenden Celluloid-Loops aus seiner Found-Footage-Bibliothek manuell durch Bemalen, Zerkratzen oder Zerschneiden bis zur Unkenntlichkeit und wird dabei von den anderen musikalisch durch Reel-to-Reel-Tape-Loops und Electronics unterstützt.

Marc Ribot, 1954 in Newark, New Jersey geboren, könnte sich eigentlich ganz entspannt zur Ruhe setzen. Denn wenn man die meterlangen Credits seiner musikalischen Kollaborationen liest, die von seiner Partizipation in der Soulpunkkombo The Realtones und der nicht zuletzt durch Jim Jarmuschs Filme zu Weltruhm gelangten Band John Lurie and the Lounge Lizards anfangen, über Studioaufnahmen mit Marianne Faithful, Arto Lindsay, Laurie Anderson, Allen Ginsberg und zahllosen anderen bis zu Jazz, klassischer sowie kubanischer Musik und Soundtracks zu Filmen wie „Alles ist erleuchtet“ reichen, denkt man sich: Alles klar, alles erreicht. Doch der Kerl kriegt glücklicherweise einfach nicht genug. Vor ein paar Jahren hat er Shahzad Ismaily, der beim diesjährigen donaufestival auch mit Ben Frost auftreten wird, und Pauline Oliveros- und Fred Frith-Student Ches Smith eine neue Band gegründet: Ceramic Dog. Die spielen dengelig-experimentellen (Post-) Punk und geben dabei eine verschmitzte Version dessen ab, was 2008 zum Titel ihres Albums auf Pi Recordings wurde: „Party Intellectuals“.

Barn Owls, zu deutsch Schleiereulen, sind trotz ihrer putzigen Schönheit irgendwie unheimlich: sie haben riesige dunkle Augen, einen mächtigen Schnabel, der
eine Maus auf einen Biss verschlingt und so feine Federn, dass sie geräuschlos fliegen und ihre Jagdopfer ohne Vorwarnung erlegen können. Passend also, dass die beiden San Franciscans Evan Caminiti und Jon Porras, die seit 2006 gemeinsam Musik machen und ihr gefeiertes drittes Album „Ancestral Star“ 2010 bei Thrill Jockey unterbringen konnten, ihre sphärisch flirrenden, monumental psychedelischen Shoegaze-Metal-Skulpturen, bei denen sich der düstere Nachthimmel endlos weit über der Wüste aufzuspannen scheint, nach diesem enigmatischen Tierchen benannt haben.

Die Post-New-Ager und Folktronicer The Books konnten mit ihrem Debüt-Album „Thought For Food“ 2002 aufgrund der bis dato ungehörten Paarung obskurer Samples mit überwiegend akustischen Instrumenten einen Überraschungs-Coup landen. Für ihre aktuelle Veröffentlichung „The Way Out“ (2010) ließen sie sich fünf Jahre Zeit und tüftelten ausgiebig im Studio herum. So konnten sie ihre spezielle Cut-Up-Technik, die Stimm-Samples mit Folk-Fragmenten raffiniert mixt, sowie die hörspielartig gesprochenen Texte weiter verfeinern. Nicht nur in puncto Technik erinnert das holländisch-amerikanische Duo dabei an den Chef-Exzentriker William S. Burroughs, auch in Sachen Weirdness können sie es durchaus mit ihm aufnehmen. Neben der bizarren Geschichte eines Grashüpfer oder einer Ode an die zwölfte Wurzel von Zwei gibt es z.B. auch ein behaviouristisches Kinderlied, das sich mit Gewaltfantasien und Geschlechterrollen von
Kindern beschäftigt. Weird as weird can be.

Der Gamble-Tron 2000 ist nicht nur eine von Professor Frink erfundene Maschine im Simpsons-Universum, die das Endergebnis von Football-Spielen vorhersagen soll, nein, der Gambletron (ohne 2000) ist auch eine nicht weniger trickreiche One-Woman-Musikmaschine aus Montreal, die sich selbst als „very queer sonic artist“ und „lady sound architect“ beschreibt. Die Improv-Elektronik-Performerin Lisa Gamble, die bereits auf zwei Carla-Bozulich-Alben mitgewirkt hat und mit so obskurem Material wie verbogenen Fahrrädern, Spielzeuginstrumenten und Billo-Samplern arbeitet, hat ein großes Herz für Gothic, Industrial, Punk Rock und – Beyoncé. Very queer indeed. Für das donaufestival hat sie eine neue Version ihres beliebten „Gambletron Extreme Karaoke“ vorbereitet, bei dem PartizipantInnen aus dem Publikum sich wundern dürfen, wie die von ihnen gesungenen Lieder klingen, nachdem sie durch den Gambletron-Fleischwolf gedreht wurden.

05/05 Halle 1 und 2: Lydia Lunch, Marc Ribot's Ceramic Dog, Left Hand Path
05/05 Klangraum Krems Minoritenkirche: The Books
06/05 Klangraum Krems Minoritenkirche: Hiss Tracts
07/05 Klangraum Krems Minoritenkirche: Carla Bozulich & Guests performing Eye for Ears 5 - „Under the Skin", Barn Owl
07/05 Halle 2: Gambletron