Vortrag und Diskussion
„Kann
in der Musik allein durch Verwendung und Kombination von
Klangmaterialen etwas ausgesagt werden?“, fragt der Philosoph und
Sozialwissenschaftler Roger Behrens in „Ton Klang Gewalt". Wie stehen
Klangverhältnisse und soziale Verhältnisse zueinander in Beziehung und
kann der Begriff der „Soundpolitisierung“ – wie er im Rahmen der
Proteste gegen die Angelobung der blau-schwarzen Regierung seitens der
österreichischen Elektronik-Szene gebraucht wurde um die gemeinsam
widerständigen Aktivitäten zu benennen – eine Antwort auf die Suche nach
politischen Aussagemöglichkeiten in der Musik sein?
Die
Auseinandersetzung mit Begriffen, politischen Strategien und
Widersprüchlichkeiten rund um das gesellschaftskritische Potential von
Sound beschäftigt Behrens dabei in seinem Vortrag „Das Paradies der
Vieldeutigkeiten. Über Sound und Politik“.
Die Verwobenheit dieses
Verhältnisses sowie die Frage nach den Möglichkeiten widerständiger –
und an eine materialästhetische Praxis gebundener – Ausdrucksformen in
der Musik diskutieren daran anschließend Amina Handke,
Daniel Erlacher (Elevate Festival/Widerstand Records), der kanadische
Sound Artist Tim Hecker, Christina Nemec (chra/comfortzone) sowie Roger
Behrens.
15 - 16 Uhr Vortrag (deutsch):
Roger Behrens (Hamburg): „DAS PARADIES DER VIELDEUTIGKEITEN. ÜBER SOUND UND POLITIK“
Dass
heute musikalische Phänomene sich wesentlich über den „Sound" oder als „Sound" definieren, scheint selbstverständlich; ebenso
selbstverständlich scheint, dass dem „Sound" in irgendeiner Weise eine
politische Dimension zugesprochen werden kann. Einige Fragen: Was ist „Sound", was macht „Sound" politisch? Und was ist dabei das „Politische"? – Wann wird „Sound" zu einem Topos nicht nur der Musik,
sondern der Politik?
Es geht um den Versuch einer
historisch-kritischen Rekonstruktion des Sounds: Wann und warum wurde
Sound a) zur ästhetischen Kategorie, b) zu einer ästhetischen Kategorie,
mit der das ›Politische‹ der Kunst/Musik bestimmt wurde, c) zu einer
politischen Kategorie der Ästhetik, und wann wurde schließlich d) das
Politische zu einer Kategorie der Ästhetik? Es geht nicht nur um eine
Kritik von Sound und Politik, sondern vor allem um eine Kritik des
Diskurses, der von Sound und Politik handelt: Wieso konnte oder musste
›Sound‹ überhaupt als Konzept aufgewertet werden (und gegenüber welchen,
damit womöglich abgewerteten Konzepten)? Und wie hört sich eigentlich
die Politik an, wenn der Sound politisch sein soll und das Politische
Sound? Es geht also auch um die diskursiven Rückkopplungen zwischen dem
politischen Sound und dem Sound des Politischen.
Die Überlegungen
führen schließlich zur Kritik des Zusammenhangs von Klangverhältnissen
und sozialen Verhältnissen: dabei zeigt sich, dass Sound, etwa als
ästhetisches Konzept, immer schon „politisch" ist, mithin das die
Gesellschaft charakterisierende „Politische" ebenfalls immer schon im
Modus der „Ästhetik" erscheint.
16 - 18 Uhr Diskussion (englisch):
Christina Nemec (Moderation/Wien),
Musikerin,
DJ, Autorin und Moderatorin; unter dem Alias chra veröffentlicht sie
ihr Debütalbum „derive“ auf dem von ihr gemeinsam mit Konstantin Drobil
gegründeten Label comfortzone (www.comfortzonemusic.com)
Amina Handke (Wien) (statt Tayna Bednar, die ihre teilnahme kurzfristig absagen
musste), Künstlerin und Fernsehmacherin, arbeitet seit 1988 als DJ und hast sich in allen ihren Arbeitsfeldern mit (sozial-)politischen Fragen auseinandergesetzt. 2000 war sie Co-Initiatorin der soundpolitischen Widerstandsbewegung „Volkstanz“ gegen die blau-schwarze Regierung, die die damaligen Samstagsdemonstrationen organisierte und eine Repolitisierung der Jugendkultur in Wien sichtbar machte (www.volkstanz.net, www.amina.at).
Roger Behrens (Hamburg),
Mitherausgeber
der Buchreihe „Testcard. Beiträge zur Popgeschichte", Autor zahlreicher
Beiträge zur kritischen Theorie der Gesellschaft, Popkultur und Musik
(www.rogerbehrens.net).
Daniel Erlacher (Graz),
Produzent
elektronischer Musik und Labelgründer von Widerstand Records, dem
Grazer Label für experimentelle elektronische Musik; Initiator und
Veranstalter der monatlichen agit.DOC Dokumentarfilm-Reihe im Forum
Stadtpark; Mitbegründer und Organisator des Elevate Festivals
(www.elevate.at)
Tim Hecker (Montreal),
Sound Artist
und Produzent; studierte Politische Theorie an der Concordia University
und verfasst seine Doktorarbeit zum Thema „Urban Noise: Signification
and Political Subjectivity in 19th and early 20th century in North“
(www.sunblind.net)
Konzept: Ulrike Mayer