„Ein neues Projekt ist natürlich immer anders als die vorhergehenden. Die
vorhergehenden Arbeiten zum Thema Liebe hatten Rahmenhandlungen, sind
aber zu Videos geworden und als solche nur bedingt relevant fürs Theater
wegen der vielen Orte und Außenaufnahmen. Die Idee des Rahmens kommt
natürlich aus der Malerei, gleichzeitig ist es auch im Theater schön,
wenn ein Stück dort aufhört, wo es begonnen hat. Trotzdem hat HUB auch
das Motto: vergesst alles, was vor mir war. Es gibt vorhandenes
Textmaterial, die bisherige Methode war, alles in einen Barmixer zu
werfen und sehen, was für ein Cocktail herauskommt.
Am besten wird
der Arbeitsprozess durch die permanente Änderung beschrieben. Es wird
Einflüsse aus Leben und Literatur geben, aber Einflüsse werden auch
abgewehrt werden. Es wird also wie im realen Leben, einen permanenten
Wechsel von Neuzugängen, Aufheben und Wegwerfen von Ideen geben.
Vergrößerungen und Verkleinerungen. Die Geschichte konzentriert sich
auf 2 Personen, zur Vereinfachung. Dazwischen wird es Tanzeinlagen
geben, die die Geschichte als Tanz ausdrücken. Es kann gut sein, dass
die Logik der Geschichte einfach eine eigene Logik haben wird, die sich
aus der Geschichte heraus entwickelt. So wie Menschen suchen sich auch
Kunstwerke oder Theaterstücke ihren Platz und es ist immer der richtige
Platz, Inschallah.
Eine vage Beschreibung ist die tatsächliche
akkurate Beschreibung, weil die Wechsel einkalkuliert sind. Wie beim
Tanz, gibt es immer neue Schritte und Konstellationen. Referenzwerke
sind eigentlich nicht wirklich aus dem Theater und der Kunst
anzusiedeln, sondern alle Tanzstunden, die ich bis jetzt erlebt habe.
Die
Aufführungen von HUB würde ich als gelungen betrachten, wenn sie so
sind wie Tanzstunden, nämlich gleichzeitig fertig und unfertig und immer
das Versprechen eines zukünftig besseren in sich tragend. Dass die
SchauspielerInnen und TänzerInnen also den Eindruck erwecken, dass sie
sich auf das wirklich wahrhaft Große vorbereiten, dass dann im Leben
passiert, wo eben auch der erste Tanzschritt auch ein Schritt in eine
andere Richtung ist. Es soll also der Eindruck einer ersten Tanzstunde
entstehen, die immer schon alle Informationen für alle weiteren
Tanzstunden entdeckt. Auch beim Tanzen gibt es Sprache. 12345678. Viele
Ansätze kommen natürlich aus der bildenden Kunst, wo jeder Eingriff auf
eine Leinwand, schon ein fertiges Bild sein kann. In diesem Sinne könnte
ich HUB vom ersten Tag an, als die Idee eines Theaterstückes von mir am
Petersplatz geboren wurde, aufführen. Zu jedem Zeitpunkt würde aus 2
SchaupielerInnen und einer noch zu bestimmenden Anzahl von TänzerInnen
ein sinnvolles Bild entstehen, dass sich bei jeder Aufführung ändert.
Jedes Stolpern im Stück trägt zu Perfektion bei, denn es könnte jemand
aus dem Publikum erleichtert auflachen. Auch eine perfekte Aufführung
wäre tragbar. Manchmal funktioniert einfach alles, das muss auch
akzeptiert werden. Es ist immer September 2010 völlig unvorstellbar, wie
die Welt im April 2011 aussehen wird und für wen. Das ist auch
einkalkuliert. Als Bühnenbild habe ich an riechende Pflanzen gedacht,
als ich während des Stückschreibens plötzlich eine Vorliebe für
riechende Blumen im Herbst entdeckt habe, völlig fasziniert von dem sich
täglich änderndem Geruch von Pflanzen. In meinem Atelier wächst seit
Jahren immer neues Gras, hartnäckig. Pflanzen sind also eine gute
Bühnendekoration wegen ihres Lebenskampfes, den es in einem so total
städtischen Raum wie am Petersplatz wahrscheinlich geben wird. Dann
Allergien. Pflanzen drücken also sofort auch die Zu- und Abneigung von
uns Menschen aus. Eine Pflanze performt täglich, gleichzeitig erinnert
sie uns an das Leben, außerhalb der künstlich von Menschen geschaffenen
Räume. Allein die Idee von Pflanzen birgt Unendlichkeit in sich. Wie das
lösen: Pflanzen in einem Kellertheater. Natur oder Kunst? Dazwischen in
absolutem Wettbewerb oder idealerweise Harmonie: SchauspielerInnen und
TänzerInnen. Leben ist Konkurrenz, die dann im Tanz aufgelöst wird, weil
wir uns den Platz teilen müssen, denn es ist unmöglich, dass sich 2
TänzerInnen den gleichen Platz teilen. Bis zur Aufführung ist natürlich
die Frage, ob sich die Idee der Pflanzen halten wird, denn wenn ich mir
heute ganz glücklich einen Urwald auf der Bühne vorstelle, kann es sein,
dass ich im April 2011 plötzlich Pflanzen auf der Bühne hasse, nicht
ertrage, die Bühne lieber reduziert will oder ohnehin inzwischen während
des Arbeitsprozesses eine ganz andere Idee geboren wurde. Festhalten
will ich an den 2 DarstellerInnen.
Aber auch das hat wie bei TABOU
TABOU seine natürlichen Gegebenheiten, weil bei einer schwangeren
DarstellerIn unter Umständen sichtbar mehr Personen auf der Bühne sind.
Bei einer schwangeren Person kann nie ganz von einer Person geredet
werden, deswegen möchte ich auch eine Frau dabei haben, aber es kann
auch jemand sein wie Ernie Mangold, wo die Schwangerschaft schon etwas
zurückliegt, aber auch dieses Bild ist als Regie in meinem Kopf, die
durchdringende Stimme von Ernie Mangold, wie sie durchs Kunsthistorische
Museum schallt, nämlich über mehrere Räume hinweg, also ein für eine
Frau als Regisseurin sehr wünschenswertes Bild, diese
Mangoldbeschallung. Ich habe auch die perfekten Mangoldtexte, es ist
natürlich völlig offen, wer Ernie Mangold spielen wird, aber ich habe
dieses Bild einer SchauspielerIn, die ihren Kollegen laut auf der Bühne
anschreit. Bei TABOU TABOO wurde immer am Anschlag gespielt, wie wenn
ein Fernseher oder Monitor zu laut aufgedreht ist. Ich mag das leicht
Unelegante, weil die ultimative Würde kann auch darin bestehen, dass
sich jemand total gehen lässt. Sozusagen Orientalischer Tanz als Voodoo.
Ein Stück ein bißchen aus der Fasson. Die Ehrlichkeit, wenn auch
Designerkleidung Löcher und Fäden hat und schmutzig wird. Eine total
zerfetzte Lieblingsjacke, vom ersten Sexakt zerrissen, die Formlosigkeit
von Menschen, wenn Sie zum ersten Mal miteinander schlafen, mit einer
Mischung von Neugier, Gier und Fassungslosigkeit und die zu 99%
garantierte Enttäuschung, weil man/frau oder eben die vorliegenden
Konstellation einander noch nicht kennt, es kann weder als Liebe , noch
als Nichtliebe bezeichnet werden, sondern das absolute dazwischen, das
in jede Richtung gehen kann. So ungefähr die erste Aufführung. Und dann
sollte in die Aufführung hineinchoreographiert werden, dass nachher
zufrieden eingeschlafen wird, zu zweit, alleine oder zu mehrt wie in
einem Zugabteil, wie satte Babies. Ja, manchmal ist sogar dieser eine
Schnarcher im Theater erwünscht, der sich den wohlverdienten Schlaf nach
einem Tag holt und uns alle entspannt, weil er vielleicht ein viel
perfekteres Stück träumt , als wir sehen können und uns die relative
Wichtigkeit, dessen , was vor unseren Augen passiert, vor Augen führt.
Wir können ihn aber auch aufwecken, und in unser Stück zurückführen. Vom
Geruch her, ist das Stück so zu beschreiben, wie mein derzeitiges
Blumenarrangement; 2 blasslila Rosen, geringfügig angewelkt inmitten von
2 Büschel Kamillen, die Rosen nach Tagen in der Vase riechen schon nach
Kamillen inmitten ihrer eigenen leichten Angewelktheit und der daraus
resultierende Kamillengeruch mit dem blasslila weißgelb inmitten der
orangen durchsichtigen Plastikvase ist die perfekte Version, wie ich mir
die 2 DarstellerInnen inmitten der TänzerInnen vorstelle, also leicht
die einen vom Geruch der anderen schon angezogen und dieses Perfekte, wo
die immer noch prallen Rosenköpfe durch die Kamillennachbarschaft einen
uneindeutigen aber intensiven Geruch haben, eine sich behauptende
Schönheit in jeder Umgebung, so wie der perfekte Schmutz auf ägyptischen
Strassen, wo die darin essenden Ziegen die absolute Harmonie ergeben,
weil sich Abfall und Leben und Weiterleben mischen und wir mit Entsetzen
und Erleichterung betrachten, dass auch da, so nahe am Staub gelebt
wird, also auf der Erde sitzend oder sich bewegend, kriechend ist etwas ,
was uns KünstlerInnen von Atelierböden her vertraut ist, wenn wir also
über unsere Atelierböden kriechen, um das Einzigartige zu finden, aber
auch im Tanzsaal, wo, wenn Ausdruck frei gewählt wird, sich die Tänzerin
zu Boden fallen lässt und eigentlich diese Schlangennatur durchkommt,
eben nicht in der Eleganz der Bauchrolle, sondern der der tatsächlichen
Schlange, die sich über den Boden windet und um die Beine der
NachbartänzerInnen schlingt, also das Ganze zufrieden zu Fall bringt,
einen Haufen erzeugt aus dem Stück, wo kurzfristig alle diese multiple
Körperlichkeit spüren und plötzlich eine Ansammlung von verschieden
Körpergerüchen, ja das zuallererst nehmen wir im Theater war, dass
schon beim Betreten des Zuschauerraums das Publikum riecht, noch lange,
bevor wir irgendetwas auf der Bühne wahrnehmen, also nicht wie die
orientalischen TanzlehrerInnen nach dem Parfum, dass uns schonen soll,
nein, diese Mischgerüche eines nicht auf Auftritt bedachten Publikums,
das unvorbereitet schamlos schon allein damit das halbe Stück gestaltet,
das es so riecht, wir können auf der Bühne machen, was wir wollen,
gegen diese Mischgerüche kommen wir kaum an, selbst wenn wir mit Kakteen
dazwischenfahren, dieses Publikum mit Rosen peitschen, also von Anfang
an ist das das eigentlich Entsetzliche am Theater: der Geruch des
Publikums. Und während ich in meiner Regie an die schützenden Parfums
meiner TanzlehrerInnen denke, wird mir das Publikum HUB ins Nichts
stinken, unmöglich also diese Zartheit von Geruch unter die Leute zu
bringen, HUB also von Anfang an ein Einkalkuliertes Versagen auf der
Bühne, weil dieses wenige Parfum an wenigen Personen nicht ausreichend
riechbar sein wird. Ich werde also das Bedürfnis haben , bei der ersten
Aufführung ein Loch in die Decke des Kellertheaters zu schlagen und
schreiend mit meinen DarstellerInnen den Bühnenraum zu verlassen, auf
die Strasse hinaus und in die nächste Umgebung von tatsächlich
wachsenden Pflanzen hinein, während das stinkende Publikum fassungslos
auf seinen Stühlen sitzen wird und sich fragen, was da falsch gelaufen
ist, aber so genau kann das niemand vorhersagen.“
Elke Krystufek
www.elkekrystufek.com
Eine GARAGE X Produktion in Koproduktion mit dem donaufestival
www.garage-x.at
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