Elke Krystufek: HUB

      „Ein neues Projekt ist natürlich immer anders als die vorhergehenden. Die vorhergehenden Arbeiten zum Thema Liebe hatten Rahmenhandlungen, sind aber zu Videos geworden und als solche nur bedingt relevant fürs Theater wegen der vielen Orte und Außenaufnahmen. Die Idee des Rahmens  kommt natürlich aus der Malerei, gleichzeitig ist es auch im Theater schön, wenn ein Stück dort aufhört, wo es begonnen hat.  Trotzdem hat HUB auch das Motto: vergesst alles, was vor mir war. Es gibt vorhandenes Textmaterial, die bisherige Methode war, alles in einen Barmixer zu werfen und sehen, was für ein Cocktail herauskommt.
      Am besten wird der Arbeitsprozess durch die permanente Änderung beschrieben. Es wird Einflüsse aus Leben und Literatur geben, aber Einflüsse werden auch abgewehrt werden.  Es wird also wie im realen Leben, einen permanenten Wechsel von Neuzugängen, Aufheben und Wegwerfen von Ideen geben. Vergrößerungen und Verkleinerungen.  Die Geschichte konzentriert sich auf 2 Personen, zur Vereinfachung. Dazwischen wird es Tanzeinlagen geben, die die Geschichte als Tanz ausdrücken. Es kann gut sein, dass die Logik der Geschichte einfach eine eigene Logik haben wird, die sich aus der Geschichte heraus entwickelt. So wie Menschen suchen sich auch Kunstwerke oder Theaterstücke ihren Platz und es ist immer der richtige Platz, Inschallah.
      Eine vage Beschreibung ist die tatsächliche akkurate Beschreibung, weil die Wechsel einkalkuliert sind. Wie beim Tanz, gibt es immer neue Schritte und Konstellationen. Referenzwerke sind eigentlich nicht wirklich aus dem Theater und der Kunst anzusiedeln, sondern alle Tanzstunden, die ich bis jetzt erlebt habe.
      Die Aufführungen von HUB würde ich als gelungen betrachten, wenn sie so sind wie Tanzstunden, nämlich gleichzeitig fertig und unfertig und immer das Versprechen eines zukünftig besseren in sich tragend. Dass die SchauspielerInnen und TänzerInnen also den Eindruck erwecken, dass sie sich auf das wirklich wahrhaft Große vorbereiten, dass dann im Leben passiert, wo eben auch der erste Tanzschritt auch ein Schritt in eine andere Richtung ist. Es soll also der Eindruck einer ersten Tanzstunde entstehen, die immer schon alle Informationen für alle weiteren Tanzstunden entdeckt. Auch beim Tanzen gibt es Sprache. 12345678. Viele Ansätze kommen natürlich aus der bildenden Kunst, wo jeder Eingriff auf eine Leinwand, schon ein fertiges Bild sein kann. In diesem Sinne könnte ich HUB vom ersten Tag an, als die Idee eines Theaterstückes von mir am Petersplatz geboren wurde, aufführen. Zu jedem Zeitpunkt würde aus 2 SchaupielerInnen und einer noch zu bestimmenden Anzahl von TänzerInnen ein sinnvolles Bild entstehen, dass sich bei jeder Aufführung ändert. Jedes Stolpern im Stück trägt zu Perfektion bei, denn es könnte jemand aus dem Publikum erleichtert auflachen. Auch eine perfekte Aufführung wäre tragbar. Manchmal funktioniert einfach alles, das muss auch akzeptiert werden. Es ist immer September 2010 völlig unvorstellbar, wie die Welt im April 2011 aussehen wird und für wen. Das ist auch einkalkuliert. Als Bühnenbild habe ich an riechende Pflanzen gedacht, als ich während des Stückschreibens plötzlich eine Vorliebe für riechende Blumen im Herbst entdeckt habe, völlig fasziniert von dem sich täglich änderndem Geruch von Pflanzen. In meinem Atelier wächst seit Jahren immer neues Gras, hartnäckig. Pflanzen sind also eine gute Bühnendekoration wegen ihres Lebenskampfes, den es in einem so total städtischen Raum wie am Petersplatz wahrscheinlich geben wird. Dann Allergien. Pflanzen drücken also sofort auch die Zu- und Abneigung von uns Menschen aus. Eine Pflanze performt täglich, gleichzeitig erinnert sie uns an das Leben, außerhalb der künstlich von Menschen geschaffenen Räume. Allein die Idee von Pflanzen birgt Unendlichkeit in sich. Wie das lösen: Pflanzen in einem Kellertheater. Natur oder Kunst? Dazwischen in absolutem Wettbewerb oder idealerweise Harmonie: SchauspielerInnen und TänzerInnen. Leben ist Konkurrenz, die dann im Tanz aufgelöst wird, weil wir uns den Platz teilen müssen, denn es ist unmöglich, dass sich 2 TänzerInnen den gleichen Platz teilen. Bis zur Aufführung ist natürlich die Frage, ob sich die Idee der Pflanzen halten wird, denn wenn ich mir heute ganz glücklich einen Urwald auf der Bühne vorstelle, kann es sein, dass ich im April 2011 plötzlich Pflanzen auf der Bühne hasse, nicht ertrage, die Bühne lieber reduziert will oder ohnehin inzwischen während des Arbeitsprozesses eine ganz andere Idee geboren wurde. Festhalten will ich an den 2 DarstellerInnen.
      Aber auch das hat wie bei TABOU TABOU seine natürlichen Gegebenheiten, weil bei einer schwangeren DarstellerIn unter Umständen sichtbar mehr Personen auf der Bühne sind.  Bei einer schwangeren Person kann nie ganz von einer Person geredet werden, deswegen möchte ich auch eine Frau dabei haben, aber es kann auch jemand sein wie Ernie Mangold, wo die Schwangerschaft schon etwas zurückliegt, aber auch dieses Bild ist als Regie in meinem Kopf, die durchdringende Stimme von Ernie Mangold, wie sie durchs Kunsthistorische Museum schallt, nämlich über mehrere Räume hinweg, also ein für eine Frau als Regisseurin sehr wünschenswertes Bild, diese Mangoldbeschallung. Ich habe auch die perfekten Mangoldtexte, es ist natürlich völlig offen, wer Ernie Mangold spielen wird, aber ich habe dieses Bild einer SchauspielerIn, die ihren Kollegen laut auf der Bühne anschreit. Bei TABOU TABOO wurde immer am Anschlag gespielt, wie wenn ein Fernseher oder Monitor zu laut aufgedreht ist. Ich mag das leicht Unelegante, weil die ultimative Würde kann auch darin bestehen, dass sich jemand total gehen lässt. Sozusagen Orientalischer Tanz als Voodoo. Ein Stück ein bißchen aus der Fasson. Die Ehrlichkeit, wenn auch Designerkleidung Löcher und Fäden hat und schmutzig wird. Eine total zerfetzte Lieblingsjacke, vom ersten Sexakt zerrissen, die Formlosigkeit von Menschen, wenn Sie zum ersten Mal miteinander schlafen, mit einer Mischung von Neugier, Gier und Fassungslosigkeit und die zu 99% garantierte Enttäuschung, weil man/frau oder eben die vorliegenden Konstellation einander noch nicht kennt, es kann weder als Liebe , noch als Nichtliebe bezeichnet werden, sondern das absolute dazwischen, das in jede Richtung gehen kann. So ungefähr die erste Aufführung. Und dann sollte in die Aufführung hineinchoreographiert werden, dass nachher zufrieden eingeschlafen wird, zu zweit, alleine oder zu mehrt wie in einem Zugabteil, wie satte Babies. Ja, manchmal ist sogar dieser eine Schnarcher im Theater erwünscht, der sich den wohlverdienten Schlaf nach einem Tag holt und uns alle entspannt, weil er vielleicht ein viel perfekteres Stück träumt , als wir sehen können und uns die relative Wichtigkeit, dessen , was vor unseren Augen passiert, vor Augen führt. Wir können ihn aber auch aufwecken, und in unser Stück zurückführen. Vom Geruch her, ist das Stück so zu beschreiben, wie mein derzeitiges Blumenarrangement; 2 blasslila Rosen, geringfügig angewelkt inmitten von 2 Büschel Kamillen, die Rosen nach Tagen in der Vase riechen schon nach Kamillen inmitten ihrer eigenen leichten Angewelktheit und der daraus resultierende Kamillengeruch mit dem blasslila weißgelb inmitten der orangen durchsichtigen Plastikvase ist die perfekte Version, wie ich mir die 2 DarstellerInnen inmitten der TänzerInnen vorstelle, also leicht die einen vom Geruch der anderen schon angezogen und dieses Perfekte, wo die immer noch prallen Rosenköpfe durch die Kamillennachbarschaft einen uneindeutigen aber intensiven Geruch haben, eine sich behauptende Schönheit in jeder Umgebung, so wie der perfekte Schmutz auf ägyptischen Strassen, wo die darin essenden Ziegen die absolute Harmonie ergeben, weil sich Abfall und Leben und Weiterleben mischen und wir mit Entsetzen und Erleichterung betrachten, dass auch da, so nahe am Staub gelebt wird, also auf der Erde sitzend oder sich bewegend, kriechend ist etwas , was uns KünstlerInnen von Atelierböden her vertraut ist, wenn wir also über unsere Atelierböden kriechen, um das Einzigartige zu finden, aber auch im Tanzsaal, wo, wenn Ausdruck frei gewählt wird, sich die Tänzerin zu Boden fallen lässt und eigentlich diese Schlangennatur durchkommt, eben nicht in der Eleganz der Bauchrolle, sondern der der tatsächlichen Schlange, die sich über den Boden windet und um die Beine der NachbartänzerInnen schlingt, also das Ganze zufrieden zu Fall bringt, einen Haufen erzeugt aus dem Stück, wo kurzfristig alle diese multiple Körperlichkeit spüren und plötzlich eine Ansammlung von verschieden Körpergerüchen, ja das zuallererst nehmen wir im Theater  war, dass schon beim Betreten des Zuschauerraums das Publikum riecht, noch lange, bevor wir irgendetwas auf der Bühne wahrnehmen, also nicht wie die orientalischen TanzlehrerInnen nach dem Parfum, dass uns schonen soll, nein, diese Mischgerüche eines nicht auf Auftritt bedachten Publikums, das unvorbereitet schamlos schon allein damit das halbe Stück gestaltet, das es so riecht, wir können auf der Bühne machen, was wir wollen, gegen diese Mischgerüche kommen wir kaum an, selbst wenn wir mit Kakteen dazwischenfahren, dieses Publikum mit Rosen peitschen, also von Anfang an ist das das eigentlich Entsetzliche am Theater: der Geruch des Publikums. Und während ich in meiner Regie an die schützenden Parfums meiner TanzlehrerInnen denke, wird mir das Publikum HUB ins Nichts stinken, unmöglich also diese Zartheit von Geruch unter die Leute zu bringen, HUB also von Anfang an ein Einkalkuliertes Versagen auf der Bühne, weil dieses wenige Parfum an wenigen Personen nicht ausreichend riechbar sein wird. Ich werde also das Bedürfnis haben , bei der ersten Aufführung ein Loch in die Decke des Kellertheaters zu schlagen und schreiend mit meinen DarstellerInnen den Bühnenraum zu verlassen, auf die Strasse hinaus und in die nächste Umgebung von tatsächlich wachsenden Pflanzen hinein, während das stinkende Publikum fassungslos auf seinen Stühlen sitzen wird und sich fragen, was da falsch gelaufen ist, aber so genau kann das niemand vorhersagen.“
      Elke Krystufek

      www.elkekrystufek.com

      Eine GARAGE X Produktion in Koproduktion mit dem donaufestival

      www.garage-x.at

      05. Mai

      Donnerstag close
      Zeit Artist Location
      10:00 Ole Aselmann: Berlin-Beijing Kunsthalle - Factory
      10:00 Chris Watson: Sea Ice / A Journey South Kunsthalle - Zentrale Halle
      18:00 Wiener Art Foundation presents Synaptic Driver Kunstraum Stein
      18:00 Rashaad Newsome Galerie Stadtpark
      18:00 DJ Smallcock's Vinyl Rally Kunsthalle Krems
      18:00 Marnix de Nijs: Mirror Piece Klangraum Krems Kapitelsaal
      18:00 Dries Verhoeven: Dein Reich komme Kunsthalle - Outdoor
      18:00 Future Fluxus Outdoor
      18:00 Stirn Prumzer & Die Schwarzarbeit / Atzgerei Gelände
      19:00 The Books Klangraum Krems Minoritenkirche
      19:00 Gisèle Vienne: Kindertotenlieder Stadtsaal
      19:30 Elke Krystufek: HUB Halle 2
      20:30 Laurie Anderson performing Transitory Life Halle 1
      22:00 Left Hand Path Halle 2
      23:00 Lydia Lunch presents QUEEN OF SIAM Halle 1
      00:00 Marc Ribot's Ceramic Dog Halle 2