Gisèle Vienne: Kindertotenlieder

“Poetry leads to the same space as all forms of eroticism, to the blending and fusion of separate objects. It leads us to eternity, it leads us to death, and through death to continuity...“  Georges Bataille „Eroticism“
„Jonathan: The idea of raping and killing you just triggered off its million billionth hard on, but this one is God‘s. That‘s my gift to you. Ghost: I‘m boring. You‘re boring. Sex is boring. Being tortured is boring. Being killed is boring.”  Dennis Cooper „Kindertotenlieder“

Willkommen in der Albtraumfabrik der französischen Theatermacherin, Performance- und Puppenkünstlerin Gisèle Vienne! In „Kindertotenlieder“, einer hyperästhetisierten, performativ-installativen Winterlandschaft errichtet aus Fantasien, Obsessionen und Ängsten entführt sie uns in ein emotionales Labyrinth, in dem die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Genormten Moral- und Sexualitätsvorstellungen entzieht sich alleine schon die Handlung: Eine Gruppe von Teenagern versammelt sich zu einem Totenritual in Form eines Black Metal Konzerts. Einer von ihnen beobachtet dabei sein eigenes Begräbnis, der andere, sein Freund, ist sein Mörder. Auf Basis dieses Plots startet ein Trip mit ungesichertem Ausgang, der den Mord als Loop aus drei Perspektiven immer wieder von Neuem zeigt: aus der Sicht des Opfers, des Täters und schließlich der Gesellschaft. Die Installation von Gisèle Vienne spielt mit der schwarzen Romantik einer alpinen Winterlandschaft. Ein perfekter Nährboden für die Geburt des Unheimlichen in unserer Fantasie, der gespenstischen Mischung von etwas, was gleichermaßen vertraut und fremd ist. Neben den Ebenen Vergangenheit und Zukunft geraten auch alle anderen Parameter ins Wanken: Die Figuren der Teenager wechseln ständig ihre DarstellerInnen und somit auch ihr Geschlecht. Das Vexierspiel geht sogar soweit, dass sie teilweise von Puppen und Robotern verkörpert werden. Die Choreographie der Bewegungen basiert auf einem permanenten Wechsel einer Figur von DarstellerIn zu DarstellerIn oder auch von Menschen zu unbewegten, oder bewegten künstlichen Körpern.
 
Künstliche Körper geben vor natürliche zu sein und performende Menschen gaukeln uns vor Maschinen zu sein. Leben und Tod sind letzten Endes Perspektiv- und Definitionsfragen in der Traumwelt der Teenies geworden, die hoch sexualisiert wie emotionalisiert von Selbstmordfantasien und Todessehnsüchten geprägt ist. Das Teenager-Begräbnis-Ritual verwandelt sich im Fortgang des exzessiven Verlusts einer möglichen Grenze zwischen Fiktion und Realität in ein Black Metal Konzert. Im Spannungsfeld der Bilder- und Symbolwelt der heidnischen alpinen Perchtenkultur und ihrer zeitgenössischen Entsprechung in einer seltsamen, artifiziellen „schwarzen“ Teenie-Subkultur agiert auch die Live-Musik von Peter Rehberg und Stephen O´Malley, die aufgrund dieses Projektes die Band KTL gründeten. Die beiden Noise-Großmeister erzeugen einen hypnotischen Sog, der wie eine verzauberte, postrockige Version von Black Metal wirkt. Der textliche Hintergrund der queeren Teenage- Sex’n’ Crime-Story kommt - wie bei vielen Performances von Gisèle Vienne - vom amerikanischen Schriftsteller Dennis Cooper, über den William S. Burroughs meinte: „Dennis Cooper, God help him, is a born writer“. 1986 begann er an dem Roman- Fünfteiler „George Miles Cycle“ zu schreiben, aus dem auch die Texte zu „Kindertotenlieder“ stammen. Der Zyklus basiert auf einer autobiographischen, schicksalhaften Begegnung des damals 15-jährigen Autors mit dem kleinen Bruder seines Klassenkollegen namens George Miles. Als Dennis Cooper gerade eine exzessive Lebens- und Arbeitsphase in Amsterdam genoss, ereilte ihn die Nachricht vom Selbstmord seines psychisch schwer angeschlagenen Freundes, und ein schon im Teenager-Alter geplantes Romanprojekt erhielt durch dieses Ereignis seine Initialisierung. Es entstand ein Fünfteiler, der sich in seiner radikalen Queerheit, seinen abgründigen, wie dramatischen Stories und in seiner Sprachbildgewalt in den künstlerischen Regionen von Georges Bataille, William S. Burroughs, Derek Jarman oder Bruce LaBruce ansiedelt. Alleine dieser literarische Hintergrund von „Kindertotenlieder“ lässt erahnen, dass das ganze mit dem gleichnamigen, von Gustav Mahler vertonten Gedichtzyklus Friedrich Rückerts, rein gar nichts zu tun hat, sondern vielmehr mit einem kathartischen Theater- Ritual im Sinne Georges Batailles. Ein Ritual als Projektionsfläche für kollektive wie individuelle Fantasien und Obsessionen, das sich den moralischen Standpunkten unseres rationalen Handelns entzieht und als Spielfeld obszöner Fantasien und abgründiger Ängste seine kathartische Wirkung entfaltet.

vimeo.com/5362003

www.g-v.fr
www.denniscooper.net

Created by Gisèle Vienne
Texts and dramaturgy by Dennis Cooper
Music original live by KTL (Stephen O’Malley & Peter Rehberg)
and “The Sinking Belle (Dead Sheep)” par Sunn O))) & Boris (monté par KTL)

Lights by Patrick Riou
Conception robots by Alexandre Vienne
Creation dolls by Raphaël Rubbens, Dorothéa Vienne-Pollak, Gisèle Vienne, assisted by Manuel Majastre
Creation wood masks by Max Kössler
Make-up by Rebecca Flores
Hairdressing dolls by Yury Smirnov
Performed by and created in collaboration with Jonathan Capdevielle, Margrét Sara Gudjónsdóttir,
Guillaume Marie, Anja Röttgerkamp or Anne Mousselet and Jonathan Schatz.
With the technical team of the Quartz – Scène nationale de Brest

Associate producer: DACM
With the collaboration of the Quartz - Scène nationale de Brest

Coproduction:
Le Quartz - Scène nationale de Brest, Les Subsistances 2007 / Lyon,
Centre Chorégraphique National de Franche-Comté à Belfort dans le cadre de l’accueil-studio, Centre national de danse contemporaine d’Angers

05. Mai

Donnerstag close
Zeit Artist Location
10:00 Ole Aselmann: Berlin-Beijing Kunsthalle - Factory
10:00 Chris Watson: Sea Ice / A Journey South Kunsthalle - Zentrale Halle
18:00 Wiener Art Foundation presents Synaptic Driver Kunstraum Stein
18:00 Rashaad Newsome Galerie Stadtpark
18:00 DJ Smallcock's Vinyl Rally Kunsthalle Krems
18:00 Marnix de Nijs: Mirror Piece Klangraum Krems Kapitelsaal
18:00 Dries Verhoeven: Dein Reich komme Kunsthalle - Outdoor
18:00 Future Fluxus Outdoor
18:00 Stirn Prumzer & Die Schwarzarbeit / Atzgerei Gelände
19:00 The Books Klangraum Krems Minoritenkirche
19:00 Gisèle Vienne: Kindertotenlieder Stadtsaal
19:30 Elke Krystufek: HUB Halle 2
20:30 Laurie Anderson performing Transitory Life Halle 1
22:00 Left Hand Path Halle 2
23:00 Lydia Lunch presents QUEEN OF SIAM Halle 1
00:00 Marc Ribot's Ceramic Dog Halle 2