Mit Gotta Depri und Hauke Heumann
Logobi ist ein
Straßentanz aus der Elfenbeinküste: Der Tänzer sagt mit seinen
Bewegungen, komm nur her, schau mich an, ich werde bald ein Star, aber
vorher kann ich dich auch noch mal verprügeln.
Zeitgenössischer Tanz?
Wir haben ihn nicht verstanden, ein undefiniertes System, ein
postkolonialer Bluff, in den wir Afrikaner einsteigen, um uns
internationale Festivalplätze und Fördergelder zu sichern, sagt der
ivorische Tänzer und Choreograf Gotta Depri über die Einführung des
zeitgenössischen Tanzes in der Elfenbeinküste. Er ist mit dem André
Heller Zirkus Afrika!Afrika! nach Deutschland gekommen. Da werden
afrikanische Bewegungen mit anderen Elementen zu flotten,
bedeutungslosen Choreografien gesampelt. Aber wie kann sich ein
afrikanischer Tänzer in Europa positionieren? In der Logobi Reihe
formulieren Gotta Depri oder Franck Edmond Yao ihre Thesen in
Konfrontation mit Schauspielern und ChoreographInnen.
Eine Produktion von
Gintersdorfer/Klaßen und FFT Düsseldorf, Kampnagel Hamburg und
Sophiensaele Berlin. Gefördert aus Mitteln des NATIONALEN PERFORMANCE
NETZES aus Mitteln des Tanzplans Deutschland der Kulturstiftung des
Bundes.
aus der Reihe Gintersdorfer/Klaßen: New Black
„In unserer künstlerischen Arbeit sprechen wir von den Schwarzen und den
Weißen, höchst unkorrekt und unpräzise, aber deswegen oft nah an dem
Denken, das die Wirklichkeit bestimmt, die unkorrekt und unpräzise ist.
Wir denken in zwei Systemen und machen Aufführungen, die von
europäischem und afrikanischem Publikum mit tausend Missverständnissen
gemocht und gehasst werden.” „Nicht relativieren, nicht aufklären, nicht
ironisieren, sondern insistieren, bis es lebt!” Monika Gintersdorfer in
ZEIT Nr. 53/2009
Vor mehr als sechs Jahren sind die Regisseurin
Monika Gintersdorfer und der bildende Künstler Knut Klaßen ausgezogen,
um die Theaterwelt das Fürchten zu lehren. Und dabei sind sie an die
Elfenbeinküste geraten. Was bei vielen ihrer KollegInnen, die sich eine
künstlerische Blutzellenerneuerung in fremden Kulturen verordnet haben,
wirkt wie ein tragisches Reenactment eines Kreuzzuges im Mäntelchen
eines Bildungsurlaubes, sieht im Falle der beiden jedoch anders aus,
radikal anders! Hier hat sich das Theater in seiner
gesellschaftspolitischen Funktion, in seiner Ästhetik, seiner
Begrifflichkeit und Funktion neu definiert. Nicht der Ansatz eines
vereinfachten, schöngeistigen Bildes interkultureller
Völkerverständigung sondern das Insistieren auf Differenzen sind der
Motor dieses performativen Sprengstoffes, der daherkommt wie ein Club,
in dem auch getanzt, getrunken, „gerappt, aufgelegt und gemodelt wird.
Ganz „nebenbei” werden hier Gesellschaft, Politik, Religion, Philosophie
und Differenzen von Kulturen abgehandelt: hier erhält das Theater jene
Kraft zurück, die es ihm erlaubt, es wieder mit dem Leben aufzunehmen!
Im letzten Herbst haben Gintersdorfer/Klaßen im Verbund mit ihren
ivorischen und europäischen KollegInnen das Resultat ihrer jahrelangen
Arbeit in Berlin und Hamburg präsentiert. Die berühmte Vergnügungsmeile
in der Hauptstadt Abidjan „Rue Princesse” gab dem dreitägigen Festival,
das Theater, Tanz, Medienkunst, Installation aber auch Animation, Rap,
DJing, Tanz und Mode ineinander verschmelzen ließ, ihren Namen. Für das
donaufestival 2011 kreiert das polykulturelle KünstlerInnen- Netzwerk
ein neues Festival, das seinen Titel dem legendären Club New Black in
Abidjan verdankt. Neben den zeitlich genau definierten Theater- und
Tanzstücken wird der Kremser Stadtsaal aka New Black ein Wochenende lang
jeden Abend das Zentrum einer sozialen künstlerischen Plastik sein, die
alle Attribute aufweist, die jeder gute Club aufzuweisen hat. „Couper
ist ein umgangssprachlicher Begriff von den Straßen Abidjans und heißt
soviel wie Unfug treiben oder betrunken sein, in der Pariser
Lebensrealität der Ivorer verwandelte sich die Bedeutung in betrügen,
bluffen, einen Schnitt machen, darauf folgt décaler und travailler,
abhauen und arbeiten...” Basis der interkulturellen Auseinandersetzung
des Performance-Projektes Gintersdorfer/Klaßen ist eine subversive
Lebens-, Club- und Performance- Kultur namens Couper Décaler, die 2003
von der Gruppe Jet Set kreiert wurde und mittlerweile einen Siegeszug in
die afrikanische und europäische Clubszene antrat. In der Parallelwelt
zwischen der krisengeschüttelten Elfenbeinküste und der ivorischen
Pariser Diaspora wurde die eigene Existenz der „Jet Setisten” in einer
Mischung aus subversiver Selbstbehauptung, Dandytum und Glamour zum
offensiven performativen Spiel mit Chiffren und Klischees. Theatrale
Inszenierungen des eigenen Lebens, die Erfindung ständig neuer
Tanzformen, exklusive Designermode, teure Zigarren und fette Autos
überdeckten die Alltagssorgen wie ungesicherte Lebensumstände, Geld- und
Justizprobleme der MigrantInnen in den Pariser Banlieues. Die
selbsternannten Stars des Couper Décaler hoben sich schon rein äußerlich
vom üblichen Bild des „Migranten” ab, und entzogen sich so den üblichen
Zuschreibungen des weißen männlichen Blicks.
In den Clubs
singen die DJs Geschichten über eine Jet-Set-Welt, in der die Migranten
die großen Positionen besetzen, sie werden zu Bankern, Botschaftern oder
Präsidenten. Politisches mischt sich mit Ironie, Amüsement und Show.
Konzept,
Regie:
Monika Gintersdorfer, Knut Klaßen
www.gintersdorferklassen.org