Voll beladen mit kulturellen, mythologischen, religiösen und gesellschaftlichen Versatzstücken sind die hoch artifiziell anmutenden Paradiese von CocoRosie. Auch sie entziehen sich jeglichem Diktat eines systemaffinen Denkens, Erlebens und Fühlens. Vielmehr bauen uns die beiden Schwestern Bianca und Sierra Casady ein gewaltiges Gegenuniversum aus den Trümmern einer Kultur, die sich bereits selbst den Todesstoß gegeben hat.
Da tauchen Gegenstände auf, die an die prototypische, physische und psychische Ausstattung eines Zimmers von weiblichen Teenagern erinnern, die letzten EinhörnInnen wechseln im Wartezimmer zu Noah´s Genmaterial-Bank ihr Geschlecht und tauschen schon mal das Material aus, Feen und seltsame Fabelwesen schweben durch pastellbunte Landschaften bis sie in den dystopischen Dunkelkammern eines Fantasy-Epos landen, Religionen und Mythen einer weißen, heterosexuellen, von Männern geführten Gesellschaft werden noch einmal dekonstruiert; in ihre Einzelteile zerschlagen sind sie eine wunderbare Deko für diese sonderbare, neue, abgründige wie obsessive Welt. CocoRosie hauen mit dem Vorschlaghammer auf die ohnehin schon angeschlagene Wirklichkeitswelt und bauen aus dem Bruchwerk das künstliche Paradies, das alles andere ist als eine biedermeierlich reaktionäre, von morphingeschwängerter Redundanz getragene Scheinwelt Marke Barbie und Ken. Hier wird nach Vorne geflohen, nicht im linearen, abendländischen Sinn, sondern im Sinn von Utopie. Das Paradies verspricht uns nicht das langweilig-unschuldige Leben, wie wir es uns vor dem Erkenntnisfruchtverzehr vorstellen. Nein, es verspricht vielmehr durch radikal anderes Denken und Fühlen, Empfinden und Handeln einen Ausweg aus einer gesellschaftlichen und kulturellen Situation, in dem es diese mit ihren eigenen Mitteln bekämpft.
Zum Festival bauen die Schwestern einen Garten aus abgründigen Wundern, ganz im Sinne des Kunstprojektes CocoRosie. Aus allen erdenklichen, gefundenen Materialien schaffen sie ein synergetisches Kraftfeld, das seine Wurzeln zwar im verqueren Anarchotum von Freak Folk haben mag, aber durch die extreme Fusion von Genres und Medien ein Referenzgeflecht erstehen läßt, das weit über seine popkulturellen Ursprünge hinauswächst.
Während Sierra Casady mit Soul Life die Genres Oper und Musical umwertet, sich das New-Age-Mäntelchen anzieht und uns zeigt, dass hippieeskes Gedankengut inhaltlich neu aufgeladen nicht zum Accessoire in den weltweiten Revolutions-Boutiquen verkommen muss, geht Bianca, selbst auch in der bildenden Kunst zuhause, in den Bereich von Tanzperformance. Nightshift ist als extrem dunkles Märchen angelegt, der Hintergrund der Geschichte, in dem ein vernachlässigtes Kind im Lauf der Zeit zu einem „harmlosen Monster“ mutiert, liest sich aber als eine Hommage an die VerliererInnen einer Gesellschaft, an die AußenseiterInnen und die Geächteten. Dieses „Monster“ wandert dann noch in eine weitere Produktion, der es seinen Namen leiht, in dem CocoRosie Film- und Videomaterial ihrer Fans live vertonen werden: ein gemeinschaftliches Monument eines neuen Denkens, das sich viral in die Seelen und Köpfe der Gesellschaft einnisten soll. Und das Denken ist ohnehin schon angekommen, wie man der Liste ihrer Gäste entnehmen kann, die entweder Einzelparadiese (Ariel Pink oder Atlas Sound) schaffen oder unerwartete künstlerische Hochzeiten (Laurie Anderson & Light Asylum, Scout Niblett & Lapdog of Satan, Valgeir Sigurdsson & Rhys Chatham oder Sissy Nobby & Antony und Nomi Ruiz & Busdriver) feiern. Der radikal queere Ansatz der beiden letztgenannten „Pairings“ setzt sich dann auch im Summum Opus von CocoRosie selbst, in der neuen Konzert-Show mit altem wie neuem Songmaterial, fort. Das Spiel mit der Entzauberung und Umwertung religiöser Symbole wie das theatralische Spiel mit der Austauschbarkeit von Geschlechterrollen erreicht in „Die Achte Nacht“ einen neuen Höhepunkt. Wenn Gott in sieben Tagen diese Welt erschuf, so ist es die berechtigte Frage von uns QuerdenkerInnen, was er wohl am achten Tag so getrieben hat, und erst in der achten Nacht? Und warum überhaupt ER? „God has a voice, SHE speaks through me“ hieß es da ja einmal bei unseren „Rainbow Warriors“ Bianca & Sierra. Legen wir sämtliche Waffen unserer Kultur nieder, erlangen wir unsere Unschuld wieder, indem wir mit den Tabus und Strukturen brechen und folgen wir unseren Kämpferinnen in ihr Paradies, in eine „kühne, neue Welt“!
CocoRosie Projects:
Harmless Monster
28/04 20.00-21.00
Soul Life
28/04 18.00-19.00
29/04 17.00-18.00
Nightshift
29/04 21.00-22.00
30/04 20.00-21.00
Die Achte Nacht
30/04 22.00-23.00 00.00-01.00
The CocoRosie Project ist eine Koproduktion von donaufestival, CocoRosie, Kampnagel Hamburg und Konzertbüro Hugsam.
Curated by CocoRosie:
Jean Marc Ruellan
28/04 Opening 16.00-20.00
29/04-30/04 11.00-20.00
WE2 11.00-20.00
Rhys Chatham with Valgeir Sigurdsson
28/04 22.00-23.00
Rajasthan Roots with Diane Cluck
28/04 00.00-01.00
Laurie Anderson with Light Asylum
28/04 21.00-22.00
Sissy Nobby special guest Antony
28/04 23.00-00.00
Scout Niblett with Lapdog of Satan
30/04 19.00-20.00
Busdriver with Nomi Ruiz
30/04 23.00-00.00