Intro

Du steckst mich an.

Du steckst mich an, das kann viel heißen. Zum Beispiel: Du begeisterst mich. Oder auch: Du machst mich krank. Und nicht zuletzt: Du verstärkst mich durch elektrischen Strom. Welche emanzipatorischen Potentiale liegen in einer emotionalen Ansteckung für kommende Gemeinschaften? Welche Gefahren lauern umgekehrt im Mangel an kritischer Distanzierung und der Überidentifizierung mit dem Empfinden des Anderen?

Man hört es immer öfter: Wir brauchen Empathie statt Soziopathie, wir wollen offene Arme statt narzisstische Kälte. Der Appell erscheint wie eine Exitstrategie. Wenn progressive Politik verbaut erscheint, dann verspricht der Wille zur Einfühlung wenigstens die Moral eines Humanismus von unten.

Wie beginnt Empathie? Mit Parteinahme. Empathisch handeln bedeutet Miterleben. Das ist die gute Nachricht für die Mitmenschlichkeit: Die Mobilisierung von Empathie kann gesellschaftliche Spaltungen durchkreuzen und gemeinsames Handeln anstiften.

Und jetzt die schlechte: Auch  Populisten in Kunst und Politik setzen auf Einfühlung. Ihre Version klingt so: Den Eliten ohne Herz mangelt es an Verständnis für die wahren Probleme der Menschen. Die von technischen Medien der Gefühlsindustrie etablierte Ich-Perspektive der Twitterkrieger und Facebookliker ersetzt die Mühen der empathischen Annäherung an das Du. Wut braucht Dezibel und Verstärkertürme, das brechende Glas dazu kommt aus der Sounddatenbank. Ein Close-Up auf Tränen schafft die Illusion das Salz darin zu schmecken. Die subjektive Kamera wackelt durch glamifizierte Videos, Virtual Reality-Animationen, Porno-Settings und Horrorfilme. Sie macht aus jedem Smartphonebesitzer einen Reporter.

Empathie ist eine Tätigkeit, die eine Bühne braucht. Daher steht sie immer schon – wie das Theater – unter Betrugsverdacht. Wie echt ist das Leid, aber auch: wie echt ist das Mitleid? Angesichts des Elends der Welt fühlen wir uns wohl in einer Helferposition, die mit Opfern sympathisiert, solange sie Opfer bleiben.

Und dennoch suchen und finden wir immer wieder empathische Momente. Auf den Bühnen, in den Tönen, in den Nächten.

Dort erfahren wir etwas  Merkwürdiges: Vielleicht fühlen wir uns denen am nächsten, die ausdrücken, dass sie nicht zu fassen sind. Stimmen werden uns fremd, Maschinen kommen uns nahe. Wir lieben Musik von einem anderen Stern, die zu uns spricht.  Wir verehren Künstler, die nicht mehr sie selbst sind. Wir fliehen vor der Illusion der Realität und suchen die Realität der Illusion.

Lassen wir uns auf diesem donaufestival von dieser Bewegung anstecken. In diesem Sinn freue ich mich sehr auf die erste Ausgabe dieser in den letzten Jahren Maßstäbe setzenden Festivals und danke unserem wunderbaren Team inklusive der diesjährigen Performancekuratorin Bettina Kogler für die großartige Arbeit.

Lassen wir uns alle gemeinsam anstecken!
Thomas Edlinger

 

 (c) Atzgerei

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