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Endlose Gegenwart

Du hast immer neue Nachrichten, es braucht den nächsten Kick durch den nächsten Klick. Das Getriebe der Gegenwart wird geschmiert von Streams des schon wieder Vergessenen; so bläht sich das Jetzt zu einem herrischen Kontinuum unter kapitalistischen Bedingungen auf. Der globale Handel hat die Entstehung von Just-In Time-Produktionen forciert, Supermärkte nennen sich nach ihren Öffnungszeiten 24/7. Börsen handeln in Echtzeit, Containerhäfen kennen keinen Sleep Modus. So wie der einmal erklärte, nun aber endlose Krieg gegen den Terror erwartet
der Kampf gegen den Klimawandel keinen Friedensschluss, während der Nachthimmel immer heller und die Zukunft immer dunkler wird.

Nichts endet wirklich, aber auch nichts beginnt neu. Kann man diesen Zustand auch als eine Befreiung von den Altlasten der Vergangenheit oder der Idealisierung der Zukunft verstehen? Oder leben wir im Zeitalter des vorgetäuschten Fortschritts, der das Versprechen auf ein Morgen zum bloßen Systemupdate verkümmern hat lassen und dem das Moment einer tatsächlichen Zeitgenossenschaft (die die Möglichkeit zur Distanz zur Gegenwart voraussetzt) abhanden gekommen ist?

Jedenfalls erscheint die chronologische Ordnung nachhaltig erschüttert. Kultur und Politik werden von
Zombies aus der Vergangenheit heimgesucht. Die Gegenwart überflutende Erinnerungskulturen und Retrophänomene künden vom Bedürfnis nach Fixpunkten der Geschichte. Im Netz geistern Memes herum, die eine Klick-Beziehung mit dem Jetzt pflegen.

Wenn wir nach vorne blicken, sehen wir Spekulationen über Spekulationen, die den Finanzkapitalismus bestimmen. Rechner arbeiten im Nanosekundentakt und erzeugen so eine Gegenwart, die aus der prognostizierten Zukunft kommt. Unser Leben online setzt eine Datenverwertung unseres digitalen Doppelgängers in Gang, der wie ein technologisches unbewusstes mehr über uns antizipieren kann als wir selbst. Das Regime des Algorithmus bedeutet die Absage an den Geist der Freiheit. Daher verspricht die Rede von der Zukunft kleinlaut meist nur
mehr von dem, was es schon gibt an Likes. Und die Hoffnung darauf, dass die Perpetuierung der Gegenwart
nicht schon die Katastrophe ist, die uns Kipppunkte der Systemstabilität – etwa im Hinblick auf Finanzmärkte, oder Klimaveränderungen – überschreiten lässt.

Das donaufestival fragt nach künstlerischen Alternativen zu einer bleiernen, aufgeblähten Gegenwart, nach dem Potential von Be- und Entschleunigungen, Übertreibungen und Verweigerungen. Und es sucht in der Ortlosigkeit der vernetzten Welt nach etwas Altmodischem: nach Präsenz, nach Momenten der Nähe, nach online-Ritualen, nach den eigensinnigen Zeiterfahrungen der Musik und der Kunst.

Ist das anders als jetzt?

Vielleicht. Hoffentlich.

 

Thomas Edlinger

Künstlerischer Leiter donaufestival 

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