Intro

New Society 

 

 

 

Liebe donaufestival-Gäste,

wir alle sprechen immer wieder darüber, was mit unserer Gesellschaft los ist.

Leben Veganerinnen und Burschenschaftler, Superreiche und Geflüchtete überhaupt in der gleichen Gesellschaft? Ein Zentrum des allgemein Verbindlichen – Leitkultur hin, Mehrheitsgesellschaft her – lässt sich kaum mehr angeben. Die Verwerfungen der Gesellschaft stehen im Kontrast zum Versprechen der Gleichheit, das gegenüber der Liberalisierung des Kapitals, des Konsums und der Sitten ins Hintertreffen geraten ist. Die Medien sagen es jeden Tag: Hier die Überflieger*innen, dort die Abgehängten. Hier die von hier, dort die von anderswo. Hier die toxische Männlichkeit, dort die non-binäre Avantgarde. Weil keiner sagen kann, wohin diese Spaltungen „in progress” führen, ist auch die Leugnung des Begriffsmonsters „Gesellschaft” beliebt. Den sozialen Kitt namens Gesellschaft (und damit das diskursive Lieblingssteckenpferd der 68er) gibt es gar nicht, meinte Margaret Thatcher im Zuge der neoliberalen Wende 1987. Die damals ideologisch begründete Absage an die Gestaltbarkeit des Zusammenlebens ist auch heute weit verbreitet. Es heißt, die polarisierte (in jedem Fall aber pluralisierte) Gesellschaft erodiert. Ganz ohne Gesellschaftsvertrag würden politische Stämme und Ego-Monster das Kommando übernehmen.

Gegen den Zerfall formiert sich Widerstand, der auf Gemeinschaft statt Gesellschaft setzt. Während der Populismus damit wirbt, dass du so bleiben darfst, wie du bist, verlangt der „educative turn“ der Linken nach Regeln. Safe Spaces sind Zonen des Wünschenswerten, in denen die Formen des Zusammenseins neu buchstabiert werden und man eben nicht „mit Rechten reden“ muss. Doch jeder noch so berechtigte und notwendige Schutzraum ist nicht nur ein Mittel der Inklusion. Das „People Of Colour Only“-Seminar definiert auch unerwünschte ethnische Hintergründe. Vor der Tür zum „Statement“-Rockfestival in Schweden stehen Männer, die wegen Diskriminierung gegen das „Women Only“-Festival klagen.

Fortschrittliche wie reaktionäre Wir-Bildungen und Abgrenzungen finden in einer vernetzten Welt statt, die kein Außen kennt. Aus Sicht der algorithmischen Macht ist der Mensch nicht mehr als ein Datenverarbeitungssystem mit Bewusstsein, das an seine Grenzen stößt und durch intelligentere Systeme ohne Bewusstsein ersetzt werden soll. Der Absolutismus der Daten hat eigene Pläne.

In der Rede von der New Society steckt der Hinweis, dass sich die Gesellschaft nicht einfach verabschiedet oder auflöst. In der neuen Gesellschaft kommunizieren aber nicht nur Menschen mit Menschen und anderen Tieren, sondern auch mit Maschinen - und Maschinen mit anderen Maschinen. Wie das ausgeht? Vielleicht wird ein „Wir“ von morgen mehr mit gemeinsamen Tätigkeiten zu tun haben  als mit gemeinsamen Identitäten.

Thomas Edlinger
Künstlerischer Leiter donaufestival

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