MAD HOPE

Hoffnung ist trügerisch. Aber ohne Hoffnung geht es erst recht nicht.

Ein Essay über die Hoffnung, Möglichkeitsräume und multiple Krisen.

"Es gibt unendlich viel Hoffnung. Aber nicht für uns." Hatte Franz Kafka mit dieser Bemerkung die Menschheit, die Internationale der Verzweifelten oder bloß sein eigenes Leben im Sinn, das er auch als "stehendes Marschieren" ohne Chance auf Entwicklung verstand? Heute erscheint jedenfalls vielen die Verhältnisse als aussichtslos.

"Wir Iraner sind in eine völlige Hoffnungslosigkeit gestürzt", so kommentierte der Schriftsteller Navid Kermani unlängst die politische Lage. Flankiert werden solche Notstandmeldungen vom apokalyptischen Grundrauschen im Doomscrolling-Modus. Wolodymyr Selenskyj behauptet zum Beispiel, Wladimir Putin habe den dritten Weltkrieg längst begonnen. Die Klimakrise macht auch keine Pause, nur weil angesichts der Kriege kaum jemand mehr von ihr redet.

Leidenschaft für das Neue

Wenn tipping points, also entscheidende und unumkehrbare Schwellenwerte auf dem Weg in den Abgrund schon überschritten wären und die Welt unausweichlich auf eine desaströse Zukunft zusteuern würde, wäre es nur allzu verständlich, tatsächlich alle Hoffnung fahren zu lassen. Aber eine solche Gewissheit gibt es – zum Glück – nicht. Gleichwohl gedeiht eine hasserfüllte, rechte Haltung, die ohne Hoffnung auskommt, weil ihr das Ressentiment und die Einschwörung auf Feindschaften als Zukunftsentwurf reichen.

Eva von Redecker beschreibt das Grundmotiv des neuen Faschismus als Drang nach Härte, die sich abgeklärt gibt. Man will, unangekränkelt von lästigen Fakten und anderen Verfallerscheinungen der Zivilisation und der laut Technoclown-King Elon Musk suizidalen Empathie, die aus den Fugen geratene Welt wieder so zusammenbauen, wie sie nie hätte sein sollen: geführt von weißen Herrenmenschen, die über Frauen, Nicht-Weiße und andere Unterprivilegierte so verfügen wie über andere Ressourcen des fossilen Zeitalters.

MAGA ist überall, auch in Österreich. Das trübe und genau genommen hoffnungslose Versprechen dieser autoritären Wende an all jene, die sich in ihren Herrschaftsansprüchen amputiert wähnen, bündelt bewusst formulierte wie auch unbewusste Wünsche – darunter auch solche, die nach der Erschwerung oder Vernichtung von Leben streben. Abgewürgt wird dabei die "Leidenschaft für das Neue". So beschreibt der Philosoph Byung-Chul Han den Geist der Hoffnung. Der Literaturwissenschaftler Terry Eagleton bezeichnet sie als ergebnisoffenen "Riss in der Gegenwart", Paulus nannte sie einen "Weg durch den Vorhang." Der damalige tschechische Dissident und spätere Ministerpräsident Václav Havel verstand sie 1985 als "Gewissheit, dass etwas Sinn macht – ganz gleich, wie es ausgeht." Der Philosoph Gabriel Marcel ermutigt seine Leser: "Mag auch sein, dass alles verloren ist, wir sind es nicht."

Eine solche Unverlorenheit braucht keinen Optimismus. Egal, ob sie nun naiv oder abgeklärt, begrüßenswert oder vielleicht nur einer Diskussion wert daherkommt: die Hoffnung macht empfänglich für eine Zukunft, die das Mögliche gegenüber dem Wahrscheinlichen hochhält. Sie muss dabei nicht konkret benennen können, was ihre positive Bestimmung ist. Aber sie setzt doch eine existenzielle Erfahrung von Negativität voraus, in der sie überhaupt erst zu keimen beginnt. Glückliche müssen nicht hoffen, Unglücklichen bleibt oft nicht viel anderes.

Intensivierte Hoffnung

"Je tiefer die Verzweiflung, desto intensiver die Hoffnung", schreibt Bjung-Chul Han. Der österreichische Schriftsteller Sama Maani kann das bestätigen. Er stammt aus dem Iran und veröffentlichte dieser Tage einen neuen Roman, der seine Hoffnungen auf Subversion der Verhältnisse nicht zum ersten Mal in aberwitzige Sprachspiele und Gedankenexperimente verwandelt. Seine Hoffnung auf einen Fall des Regimes wurde zum wiederholten Mal enttäuscht. Und dennoch will er sich nicht entmutigen lassen: "Verzweifelt bin ich, wie die Mehrheit der Menschen im Iran, immer dann, wenn sich die Anzeichen mehren, dass die USA sich mit der islamischen Republik arrangieren könnte, sodass das Regime überlebt und sich an der eigenen Bevölkerung rächt."

Muss man bestimmte Teile der Realität ausblenden, um in verfahrenen Situationen weiter oder wieder neu hoffen zu können? Naivität ist nicht unbedingt ein Hemmschuh, wenn es um die Verwirklichung der Wünsche geht. Es war naiv, den Fall der Berliner Mauer ohne einen einzigen Schuss zu erhoffen oder gar zu erwarten, und doch kam es so. Umgekehrt war es nicht naiv, als die zuvor schon so oft enttäuschten Menschen im Iran im Jänner wieder einmal auf die Straße gingen und auf die Unterstützung Trumps hofften. Trotzdem endete der Widerstand in einem Blutbad und einer verschärften Repression.

Notausgang aus dem Dunkel

Angesichts dieser Tragik und der Bomben, die anstatt der versprochenen Hilfe von den USA auf den Weg geschickt werden, zeigt sich nun eine resignative und desillusionierte Stimmung, die aber bald auch wieder umschlagen könnte. Denn Hoffnung entzündet sich immer wieder. Sie ist die Ahnung eines Notausgangs aus einem Dunkel, ohne dessen verhängnisvolle Wirkung sie gar nicht als kontrastreiches Licht erscheinen könnte.

Nach biblischer Auffassung ist das Gottesvolk dazu angehalten, im irdischen Jammertal zu wandern und auf Erlösung im Jenseits zu warten. Die christliche Hoffnung richtet sich also auch auf eine Zukunft, die aber so ungreifbar erscheint wie eine Heilslehre von der kommenden Morgenröte. Aber sie erscheint im Unterschied zu teils recht konkret skizzierten revolutionären oder futuristischen Hoffnungen als nicht gestaltbar und unbestimmbar, liegt doch das Schicksal in der Hand Gottes und nicht in den Händen der Gläubigen.

Die fraglos passivierende Dimension der religiösen Hoffnung hat provokante Desillusionierungsprofis wie den Starautor Michel Houellebecq dazu verleitet, die Hoffnung als Erbsünde des Christentums zu diskreditieren. Der Dramatiker Euripides stand ihm schon ein paar Jahrhunderte zuvor zur Seite und kanzelte aus der Sicht des tragödischen Denkens die Hoffnung als Plage der Menschheit ab. Hoffnung würde zur Illusion einer Handlungsmacht verführen, die Menschen gar nicht zusteht.

Die Hoffnung, so argumentiert ein Standardvorwurf der aus der Religions- und Ideologiekritik kommenden Linken, sei weniger als Anmaßung über das Schicksal zu verstehen, sondern als ideologischer Kitt zur Stabilisierung der herrschenden Verhältnisse. Sie sei, ähnlich wie die sie grundierende Religion, so etwas wie Opium für's Volk. Ein fauler Zauber, der das Bewusstsein für die Gegenwart vernebelt und das folgerichtige Handeln für die Zukunft behindert.

Mut zur Hoffnungslosigkeit

Der Philosoph Slavoi Žižek motiviert in Fortsetzung dieser Kritiklinie in einem jüngeren Buch seine politischen Interventionen gegen den Neoliberalismus und andere ideologischen Feinde folgerichtig aus einem "Mut zur Hoffnungslosigkeit". Die lähmende und eben nicht das politische Denken und Handeln inspirierende Hoffnung müsse endlich entsorgt werden. Erst befreit von ihr könne ein fundamentaler Wandel auf den Weg gebracht werden. Žižek schöpft das Mögliche (und damit das nun doch wieder Hoffungsvolle) nicht aus dem Glauben an etwas, sondern aus der Leere des Nihilismus. Er singt das Lob eines (paradox anmutenden) christlichen Atheismus, der durch die Gemeinschaft der von Gott Verlassenen nach dem Tod von Jesus begründet worden sei und die radikale Eigenverantwortung der freien Christen in die Welt gesetzt habe.

Mit dieser Deutung des Christentums als gottverlassene Gemeinschaft befindet sich Žižek in assoziativer Nähe zu Chino Amobi, einem Postrap-Musiker mit nigerianischen Wurzeln in Texas. Amobi will auf seinem aktuellen Album Eroica II: Christian Nihilism das Chaos in einer Welt ohne jede Hoffnung zum Ausdruck bringen. Er zelebriert die Freude am spirituell grundierten Sound und verschreibt sich einem rätselhaft transzendenten Glauben jenseits realer, politischer Hoffnungsschimmer. Seine Adaption von Leonard Cohens Titel You want it darker lautet: "God don't care about the White House, come through the dark like a light house."

Auch stoizistische Verhaltenslehren raten von der angeblich tröstenden Selbstvergiftung der notorisch enttäuschten Spekulation auf konkrete Verbesserungen ab. Sie empfehlen, die Erwartungen des Ich abzuspecken, auf nichts zu hoffen und sich stattdessen in Gelassenheit und Unerschütterlichkeit zu üben wie zum Tode Verurteilte im Gefängnis. Im Therapeutenzimmer soll zuerst die Wahrheit ans Licht, die Hoffnung muss manchmal vom Tisch oder von der Couch gefegt werden. Vielleicht darf sie später wieder zurück in den Kopf.

An ein universales Prinzip Hoffnung, wie es Ernst Bloch aus marxistischer Perspektive formuliert hat, glaubt jedenfalls kaum mehr jemand. Das Unbehagen an der Vorstellung eines generellen utopischen Potenzials in der Gesellschaft speist sich auch aus den ernüchternden Erfahrungen in einer kapitalistischen Ordnung, die das lebensferne Warten auf Erlösung in lebensnahe Lösungen durch Geld übersetzte.

Vorprogrammierte Entzauberung

1931 formulierte James Truslow Adam die berühmte Formel des American Dream, der den Aufstieg vom Jammertal des Tellerwäschers in das Himmelsreich des Millionärs versprach. Yes we can, das Credo hat, ungeachtet der immer weiter auseinanderklaffenden Schere zwischen Arm und Reich in den USA, aber auch in Österreich, nach wie vor eine große Anziehungskraft. Der amerikanische Traum ist fraglos eine betrügerische Hoffnung. Er galt immer nur für wenige und heute für weniger denn je. Die meisten Hoffnungen wurden und werden enttäuscht, sei es nach Wahlversprechen, in Vorstellungsgesprächen, auf Datingplattformen oder in Influencerträumen. Das ist trivial, wird aber trotzdem oft vergessen. Die vorprogrammierte Entzauberung führt dann nicht selten zu Zornaufwallungen und Wutansammlungen, darauf weist die Soziologin Eva Illouz hin.

Terry Eagleton hält den amerikanischen Traum, das Kampflächeln der weißen Zähne in den USA als Ganzes für eine Staatsideologie, die Pessimismus bzw. letztlich Realismus als unamerikanisch verdammt. Der Trumpismus zeigt aber, dass das Verhältnis von Schönreden und Schlechtmachen verwickelter ist. MAGA heißt nicht nur hirnverbrannter Daueroptimismus wie eh und je, sondern behauptet auch, dass die USA vor dem Retter Trump am Boden lagen. Biden und Obama hätten die schlechteste aller möglichen Welten erschaffen; nun finde man sich auch deshalb in einem evangelikal befeuerten Endkampf von Gut gegen Böse wieder.

Gleichwohl findet sich aber in der Denunziation der jüngsten, von den Demokraten regierten Vergangenheit im Auftrag der Restauration einer älteren und definitiv reaktionären Vergangenheit durch die MAGA-Bewegung ein interessanter Aspekt. Die Vergangenheit erscheint als nicht vergangen. Sie kehrt als neofaschistische Rückbesinnung auf einen eigentlich längst verlorenen "Phantombesitz" (Eva von Redecker) mit Macht zurück.

Geisterschiffe

In der Vergangenheit finden sich aber nicht nur üble Gespenster, die nicht verschwinden wollen, sondern auch noch nicht eingelöste progressive Potenziale, die Hoffnungen auf eine andere Zukunft als jene von Technofaschisten ausgerechnete oder von konservativen Fundis herbei fantasierte nähren können. Die Verteidigung von historischen Errungenschaften wie Abtreibungsrecht, Gewerkschaften oder Friedenspolitik wird allein nicht ausreichen; sie ist defensiv und entfacht keine Begeisterung für das Ungeahnte. Man muss aber umgekehrt auch nicht immer alles neu erfinden, um dann vor dieser Herkulesaufgabe erst recht zu scheitern. In der Rede von den multiplen Krisen, die uns schon länger begleitet, sind die multiplen Hoffnungen auf eine Neujustierung der krisenhaften Verhältnisse immer schon mit angelegt. Aus Erinnerungen und Revisionen des Vergangenen können kritische Neudeutungen entstehen, die tatsächliche Veränderungen anstoßen.

Der Philosoph und Psychoanalytiker Jonathan Lear beschreibt in seinem Buch Radical Hope eine Form der Hoffnung, die inmitten der Katastrophe geboren wird. Der Crow-Häuptling Plenty Coups ist Lears Zeuge einer Hoffnung, die sich im Moment des abrupten Untergangs einer Lebensform entwickeln musste, die wesentlich durch das Zusammenleben mit freien Büffelherden bestimmt war. Radikale Hoffnung meint hier die existenzielle Frage nach der Möglichkeit einer Überwindung eines kulturellen Traumas von indigenen Bevölkerungsgruppen, die jenseits einer Einübung in Verzweiflung wie auch jenseits der Beanspruchung eines unbegründeten Optimismus liegt. Aus der Erinnerung an die Zerstörung entsteht die Ahnung eines ermächtigenden Umgangs mit den Wunden der Vergangenheit.

Der Künstler Anton Kats schlägt einen ähnlichen Weg vor. Er erzählt in seiner Performance After Hope vom Schicksal des 1974 im (damals zur Sowjetunion gehörenden) ukrainischen Dniprodelta gebauten Frachtschiffs "Vishwa Asha" (Universal Hope). Das Geisterschiff gilt inmitten der heutigen Kriegswirren als verschollen. Es manövriert als Metapher und als realer Bezugspunkt quer durch Zeiten und Personen wandernde Erzählungen, die davon handeln, wie man die Hoffnung in Zeiten des nicht enden wollenden Kriegs wieder finden kann. In diesem Fall ist es die Hoffnung auf ein nicht-faschistisches Leben.

Auch in Ungarn darf man neuerdings darauf wieder hoffen. Und im Rest von einem – hoffentlich –bald von den USA emanzipierten Europa auch. (Thomas Edlinger, 25.4.2026)

 

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