Intro

Stealing the Stolen

Kulturelle Aneignung ist Diebstahl, heißt es im antirassistischen Diskurs. Jäger*innen des Neuen und unbedachte Multikulti-Fans plündern in neokolonialer Manier marginalisierte Kulturen, um eigene Lebensstile oder Werke zu bereichern. Sei es durch Rastazöpfe auf weißen Köpfen, Twerking-Importe in Popvideos oder die Einverleibung indigener Traditionen. Beklagt und geächtet wird in der Regel eine westlich-hegemoniale Popkultur, die kulturelle Ressourcen aus dem globalen Süden zu Warenfetischen degradiert, sich nicht um Zugehörigkeiten kümmert und Kulturen oder Autor*innen nicht den gebührenden Respekt zollt – geschweige denn einen angemessenen Preis dafür bezahlt.

Diese Kritik an der Cultural Appropriation leuchtet intuitiv ein. Nichtsdestotrotz hieß es auch einmal: Nicht die Aneignung, sondern Eigentum ist Diebstahl. Demzufolge steht Aneignung in der historischen Appropriation Art im Museum wie auch in der heutigen Popkultur für eine Praxis, die sich gegen als unangemessen oder überkommen empfundene Besitzstände zur Wehr setzt, die Samples, Remixe, Versioning, Copyrightpiraterien, kollektive Autor*innenenschaften, Copy & Paste-Verfahren und Memekulturen feiert und die Scheidung von Fremdem und Eigenem nachhaltig irritiert.

Der Festivaltitel Stealing The Stolen ruft den Umstand in Erinnerung, dass es keine Essenz von Kultur gibt – und somit auch keine Entwicklung ohne (Wieder-)Aneignungsprozesse von Nicht-Zugehörigem, Verlorenem oder zuvor schlicht nicht Verfügbarem. Alles bleibt anders, immer schon. Die Frage ist nur: Welche Formen der Bezugnahme können gegen tatsächlich ausbeuterische oder zu Recht als illegitim bewertete Aneignungen in Stellung gebracht werden? Welche Counter Appropriations können emanzipatorisch oder auch kompensatorisch wirken – und für wen?

Das donaufestival 2022 vertraut auf die Kraft von Gegenaneignungen – gegen hegemoniale Formen und für neue Verbindungen. Der tunesische Musiker AMMAR 808 verbindet südindische Musik mit den Beats der Drum Machine Roland TR 808. Fehler Kuti will eben nicht einfach Fela Kuti sein, sondern singt lieber auf Denglish von „The Price Of Teilhabe“, Soap&Skin schlüpft in sheep´s clothing und reinterpretiert die Musik anderer. Ariel Efraim Ashbel bemächtigt sich in der Weltpremiere von Fire Walk With Me der Erinnerung an David Lynch, Ula Sickle erzählt vom Einzug der Traurigkeit in den Rap. Der Künstler und Musiker Julian Warner widmet sich in einer Installation in der Kunsthalle Krems den Aneignungen der Kriegsmetaphorik in Bezug auf den Ukrainekrieg und der Pandemie.

Wessen Musik wird da gespielt? It is not my music heißt ein Film über den so vieles aufsaugenden Jazzmusiker Don Cherry von 1978. Counter Appropriations setzen wie einst Don Cherry nicht auf Ächtungen, sondern auf Inspirationen. Sie könnten sich in einer befreienden Praxis „von unten und anderswo“ finden, die sich jenseits der Vorstellung von Besitz und Diebstahl bewegt.

Wir nennen sie für´s Erste Stealing the Stolen. Und wünschen uns, dass sie uns nichts nimmt, sondern uns alle bereichert.

Thomas Edlinger
Artistic Director donaufestival

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